Sturzangst bei älteren Menschen: ein unterschätztes Problem
Sturzangst kann auch ohne vorausgegangenen Sturz erhebliche Konsequenzen haben — und sabotiert jedes Übungsprogramm, wenn sie nicht eigenständig adressiert wird. Wer aus Angst weniger geht, wird tatsächlich sturzgefährdeter. Die Ergotherapie ist mit ihrem alltagsnahen, betätigungsorientierten Blick hier besonders gut positioniert.
Sturzangst ohne Sturz
Sturzangst ist eines der unterschätztesten Probleme in der geriatrischen Versorgung. Viele Therapeut:innen denken bei Sturzprävention zuerst an die körperliche Komponente: Kraft, Balance, Wohnumfeld. Studien zeigen jedoch konsistent, dass ein nicht zu vernachlässigender Anteil älterer Menschen Sturzangst hat, ohne jemals gestürzt zu sein.
Das paradoxe Ergebnis: Wer aus Angst vor Stürzen weniger geht, wird tatsächlich sturzgefährdeter — durch Muskelabbau und Verlust der Bewegungssicherheit.
Der Teufelskreis
Auslöser
Eine Begegnung mit Sturzgefahr — ein Stolpern, ein leichter Schwindel, das Sehen eines Sturzes bei einer anderen Person.
Anfängliche Vorsicht
Bestimmte Tätigkeiten werden zurückhaltender ausgeführt.
Generalisierung
Die Vorsicht weitet sich aus: erst die Treppe, dann die Wohnung, dann nicht mehr alleine raus.
Dekonditionierung
Verminderte körperliche Aktivität führt zu Muskelschwund und Balanceverlust.
Bestätigung
Reale Sturzgefahr nimmt zu — was die ursprüngliche Angst bestätigt.
Erkennen: subtile Hinweise
Klient:innen sprechen Sturzangst selten von sich aus an — aus Scham, aus Bagatellisierung, oder weil sie ihre Vermeidung gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Auf welche Hinweise sollte man achten?
- Veränderte Bewegungsmuster: kleinere Schritte, langsameres Tempo, häufiger nach Halt suchen.
- Sozialer Rückzug — die Klientin geht nicht mehr zur Bridge-Runde, „weil es zu weit ist".
- Veränderte Tagesstruktur: Aktivitäten werden verschoben oder gestrichen.
- Aussagen wie „ich passe schon auf" oder „ich tue jetzt eben weniger" — oft Hinweise auf eine bereits etablierte Vermeidungsstrategie.
Die Rolle der Ergotherapie
Die Ergotherapie ist bei Sturzangst aus mehreren Gründen besonders gut positioniert. Erstens bekommt sie das Geschehen im Alltag in den Blick — nicht im Therapieraum, sondern dort, wo das Leben stattfindet. Zweitens kann sie betätigungsorientiert arbeiten. Bewährte Elemente:
- Edukation über den Vermeidungskreislauf — viele Klient:innen erkennen sich darin wieder.
- Graduelle Exposition in alltäglichen Situationen — Schritt für Schritt vermiedene Tätigkeiten wieder aufnehmen.
- Realistische Risikoeinschätzung — was ist wirklich gefährlich, was ist gefühlte Gefahr?
- Kombination mit Krafttraining — physiotherapeutisch, aber im ergotherapeutischen Kontext eingebettet.
Den Partner mitnehmen
Angehörige meinen es oft gut: „Bleib lieber sitzen, ich mach das schon." Das verstärkt jedoch genau das Problem. Hier ist die Aufgabe der Therapeut:in, behutsam aufzuklären — und konkrete Vorschläge zu machen, wie der Partner unterstützen kann, ohne zu übernehmen.
Praxispunkte
- Frage aktiv nach Sturzangst — auch ohne vorheriges Sturzereignis.
- Beobachte Bewegungsverhalten und Tagesstruktur, nicht nur Testergebnisse.
- Setze auf gemeinsame Mini-Erfolge: jede wiedergewonnene Tätigkeit ist ein Anker gegen die Angst.
- Plane Follow-ups — Sturzangst ist kein Ein-Sitzungs-Thema.
- Bei ausgeprägter Angststörung oder Trauma nach Sturz: Psychotherapie hinzunehmen.