Ergotherapie bei MS: Erschöpfung als Hauptsymptom
Bei MS ist Erschöpfung („Fatigue") für viele Klient:innen einschneidender als motorische Symptome. Energiemanagement ist daher oft die wichtigste Intervention — und benötigt einen anderen Zugang als bei Burnout oder allgemeiner Müdigkeit.
Fatigue ist nicht Müdigkeit
MS-bezogene Fatigue tritt häufig unabhängig von körperlicher Anstrengung auf, nimmt im Tagesverlauf zu und verschwindet nicht durch Schlaf. Sie ist eines der quälendsten Symptome — und eines der am schwersten zu vermittelnden, denn von außen sieht man nichts.
Häufige Falle: Hitzeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen). Ein heißes Bad, ein warmer Sommertag oder schlicht eine Erkältung können Symptome verstärken. Plane das aktiv mit ein.
Energiemanagement in der Praxis
Die vier P-Strategien sind nicht nur ein Akronym, sondern eine konkrete Arbeitsweise:
- Prioritäten: was muss heute, was kann morgen?
- Planen: energieintensive Aufgaben in energiestarke Stunden
- Pacing: Pausen vor der Erschöpfung, nicht danach
- Positionieren: ergonomisch arbeiten, sitzen wo möglich
Kognitive Symptome ernst nehmen
Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Wortfindung können bei MS ohne klassische Schübe schleichend abnehmen. Klient:innen schämen sich oft dafür und kompensieren still. Frage explizit danach — und biete praktische Strategien: Aufgaben aufteilen, Reize reduzieren, externe Gedächtnishilfen.
Multidisziplinär bleiben
MS ist immer eine teamzentrierte Erkrankung. Neurolog:in, MS-Pflegekraft, Physio, Logopäd:in, Psycholog:in — abhängig von der Phase. Deine Rolle als Ergotherapeut:in: die Verzahnung im Alltag. Was alle Therapeut:innen einzeln empfehlen, muss zu Hause zu einem stimmigen Tag passen.
Praxispunkte
- Frage standardmäßig nach Fatigue — getrennt von „Müdigkeit".
- Nutze ein Energietagebuch, nicht eine einmalige Skala.
- Berücksichtige Schubphasen vs. progressive Phasen unterschiedlich.
- Halte das Behandlungsziel an Bedeutsamkeit, nicht an Funktionsmaßen.