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Chronische Schmerzen in der ergotherapeutischen Praxis

Veröffentlicht: 2026-04-12 · 8 Min. Lesezeit
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Kurz gefasst

Chronische Schmerzen sind keine Einbildung, sondern ein sensitisiertes Nervensystem. Schmerzedukation ist selbst Intervention, nicht Vorgeplänkel. Der ergotherapeutische Kern: nicht den Schmerz wegnehmen, sondern trotz des Schmerzes ein lebenswertes Leben wieder aufbauen.

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Was wir heute über chronische Schmerzen wissen

Chronische Schmerzen — Schmerzen, die länger als drei bis sechs Monate anhalten, unabhängig von der ursprünglichen Gewebeschädigung — gehören zu den herausforderndsten Behandlungssituationen in der ergotherapeutischen Praxis. Klient:innen kommen häufig mit einer langen Vorgeschichte: Hausärzte, Fachärzte, bildgebende Diagnostik ohne klares Ergebnis.

Schmerz ist keine direkte Abbildung von Gewebeschäden, sondern ein vom Nervensystem erzeugter Output, der eine Bedrohungseinschätzung repräsentiert. Bei chronischen Schmerzen ist dieses System sensitisiert: Reize, die früher nicht als schmerzhaft empfunden wurden, lösen jetzt Schmerz aus.

Für viele Klient:innen ist diese Erklärung eine Erleichterung: Es ist real, es liegt nicht an ihnen, und es ist prinzipiell veränderbar. Schmerzedukation ist damit selbst eine Intervention, nicht nur die Vorbereitung auf eine „eigentliche" Behandlung.

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Warum „durchhalten" den Schmerz verschlimmert

Viele Klient:innen mit chronischen Schmerzen zeigen ein typisches Boom-Bust-Muster. An guten Tagen wird viel erledigt, um Liegengebliebenes nachzuholen. Die nächsten Tage liegt der Klient/die Klientin flach. Dann wieder durchbeißen. Dieses Muster hält das Nervensystem im Alarmzustand und verstärkt die Sensitisierung weiter.

Nicht härter arbeiten, sondern klüger dosieren.
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Die Ergotherapie als Prozesssteuerung

Bei chronischen Schmerzen lautet die Hilfestellung selten „nimm den Schmerz weg". Das ist oft nicht möglich. Die Frage ist vielmehr: „Wie kann ich trotz des Schmerzes wieder ein Leben führen, das ich für lebenswert halte?" Konkret bedeutet das:

Bewusstsein schaffen

Eigene Tagesstruktur und auslösende Muster erkennen — etwa über ein Aktivitätentagebuch.

An Zeit ausrichten

Aufbau-Schemata an Zeit ausrichten, nicht am Schmerzempfinden („zwanzig Minuten gärtnern, unabhängig vom Befinden").

Akzeptanz ohne Resignation

An Akzeptanz arbeiten ohne in Resignation zu verfallen — eine Unterscheidung, die Übung braucht.

Reintegration

Wiedereinstieg in bedeutungsvolle Rollen: Beruf, Familie, Hobbys.

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Das soziale Netzwerk einbeziehen

Chronische Schmerzen sind ein Familienthema. Der Partner, der liebevoll alle Aufgaben übernimmt, hilft kurzfristig — verstärkt aber langfristig den Invalidisierungskreislauf. Klient:innen reagieren auf diese Erkenntnis oft mit Erleichterung; sie haben länger gespürt, dass die gut gemeinte Hilfe ihnen nicht half. Den Partner einzubeziehen ist daher kein optionales Extra, sondern oft entscheidend.

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Wann weiterverweisen?

Was hilft — Kurzfassung