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Sturzangst bei älteren Menschen: ein unterschätztes Problem

Veröffentlicht: 2026-04-18 · 7 Min. Lesezeit
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Kurz gefasst

Sturzangst kann auch ohne vorausgegangenen Sturz erhebliche Konsequenzen haben — und sabotiert jedes Übungsprogramm, wenn sie nicht eigenständig adressiert wird. Wer aus Angst weniger geht, wird tatsächlich sturzgefährdeter. Die Ergotherapie ist mit ihrem alltagsnahen, betätigungsorientierten Blick hier besonders gut positioniert.

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Sturzangst ohne Sturz

Sturzangst ist eines der unterschätztesten Probleme in der geriatrischen Versorgung. Viele Therapeut:innen denken bei Sturzprävention zuerst an die körperliche Komponente: Kraft, Balance, Wohnumfeld. Studien zeigen jedoch konsistent, dass ein nicht zu vernachlässigender Anteil älterer Menschen Sturzangst hat, ohne jemals gestürzt zu sein.

Das paradoxe Ergebnis: Wer aus Angst vor Stürzen weniger geht, wird tatsächlich sturzgefährdeter — durch Muskelabbau und Verlust der Bewegungssicherheit.

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Der Teufelskreis

Auslöser

Eine Begegnung mit Sturzgefahr — ein Stolpern, ein leichter Schwindel, das Sehen eines Sturzes bei einer anderen Person.

Anfängliche Vorsicht

Bestimmte Tätigkeiten werden zurückhaltender ausgeführt.

Generalisierung

Die Vorsicht weitet sich aus: erst die Treppe, dann die Wohnung, dann nicht mehr alleine raus.

Dekonditionierung

Verminderte körperliche Aktivität führt zu Muskelschwund und Balanceverlust.

Bestätigung

Reale Sturzgefahr nimmt zu — was die ursprüngliche Angst bestätigt.

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Erkennen: subtile Hinweise

Klient:innen sprechen Sturzangst selten von sich aus an — aus Scham, aus Bagatellisierung, oder weil sie ihre Vermeidung gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Auf welche Hinweise sollte man achten?

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Die Rolle der Ergotherapie

Nicht abstrakt „Balance üben", sondern konkret die Tätigkeiten wieder aufbauen, die der Klient:in wichtig sind.

Die Ergotherapie ist bei Sturzangst aus mehreren Gründen besonders gut positioniert. Erstens bekommt sie das Geschehen im Alltag in den Blick — nicht im Therapieraum, sondern dort, wo das Leben stattfindet. Zweitens kann sie betätigungsorientiert arbeiten. Bewährte Elemente:

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Den Partner mitnehmen

Angehörige meinen es oft gut: „Bleib lieber sitzen, ich mach das schon." Das verstärkt jedoch genau das Problem. Hier ist die Aufgabe der Therapeut:in, behutsam aufzuklären — und konkrete Vorschläge zu machen, wie der Partner unterstützen kann, ohne zu übernehmen.

Praxispunkte